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WWF-Interview

WWF-Interview mit Peter Lüthi

 

 

(Pro HsH) Peter Lüthi ist Leiter des WWF-Herdenschutzprojekts Graubünden in der Schweiz. Als ehemaliger Regionalkoordinator des WWF Schweiz in Graubünden und als erfahrener Galtviehhirte mit sieben Alpsommern sind ihm beide Seiten - Viehhaltung und Naturschutz – gut bekannt. Das Projekt wurde bewusst mit starkem Praxisbezug und nicht als wissenschaftliche Studie konzipiert. Letztlich werden es Praktiker sein, welche die Herdenschutzmassnahmen anwenden. Darum sollen wirksame, angepasste und praktikable Schutzmethoden von Kleinviehhaltern und Hirten entwickelt und getestet werden. Im folgenden WWF-Interview erzählt er von Noël, dem ersten Herdenschutzhund in Graubünden.
WWF: Wie sieht ein Herdenschutzhund aus? Er ist ja so was wie ein Bodyguard für Schafe. Ist er muskulös?

Lüthi: Noël stammt aus Spanien und gehört zu einer Rasse namens Mastin Espanol. In der Schweiz arbeiten wir aber meistens mit französischen Pyrenäenberghunden und mit dem Maremmano Abruzese aus Italien. Diese Hunde haben ein weißes, sehr dickes Fell. Das bietet Schutz vor den messerscharfen Wolfszähnen oder vor den Prankenhieben der Bären. Sie sind so groß wie Bernhardiner und haben eine besonders tiefe, eindrückliche Stimme beim Bellen. Mit so einem Hund wollen sich Bären und Wölfe dann meist doch nicht anlegen.

WWF: Wie wird so ein Hund zu einem Schafwächter?

Lüthi: Diese Hunde haben das Schutzverhalten im Blut. Man kann es ihnen also nicht antrainieren. Sie kommen schon als kleine Welpen in eine Schafherde. Sie glauben, dass sie selbst Schafe sind. Wird ihre Schafherde aber eines Nachts von einem Wolf oder Bären angegriffen, so erwacht ihr Hundeinstinkt. Sie bellen laut, stürmen dem Angreifer mutig entgegen und stellen sich schützend vor ihre Herde. In den italienischen Bergen haben diese Hunde eine lange Tradition. In einer Schafherde leben mehrere Hunde. Da lehrt die Hundemutter die Jungen, wie sie sich zu verhalten haben. Da „arbeiten“ die Hunde im Team, wenn es zu einem Angriff kommt. Die Hunde wissen genau, welchen Jagdstil die Wölfe haben

WWF: Wie schützen die Hunde ihre Schafe?

Lüthi: Auf der Weide gehen die stärksten Hunde als Späher voraus. Sie checken jeden Waldrand und jedes Dickicht nach Gefahren ab. Auch neben und hinter der Herde gehen Schutzhunde und mitten unter den Schafen laufen die Schwächsten. Das sind meistens Weibchen, die aber sehr wachsam sind. Die Hunde wissen genau, welchen Jagdstil Wölfe haben. Zum Beispiel rennen nicht alle Hunde auf einen Wolf los, weil sie wissen, dass von hinten noch andere Wölfe angreifen könnten.

WWF: Bei Ihnen in der Schweiz sollen die Herdenschutzhunde jetzt zum Einsatz kommen?

Lüthi: Ja, weil es bei uns wieder Wölfe gibt. Gute Schutzhunde bekommt man leider schwer. Wir sind noch am Beginn unserer Arbeit, und da machen wir auch Fehler, aus denen wir lernen können. So haben wir beispielsweise den Herdenschutzhund Noël allein in eine Schafherde gesetzt. Für Welpen ist das Leben in einer Schafherde aber zuweilen sehr hart, weil sie von den alten Mutterschafen manchmal arg mit Kopfstößen traktiert werden. Als Noël in die Flegeljahre gekommen ist, hat er ganz nach Hundeart mit den Schafen zu spielen begonnen und hat sie auch gebissen. Er hat das nicht böse gemeint. Trotzdem darf das ein Herdenschutzhund niemals tun! Daraus haben wir gelernt, dass es besser gewesen wäre, Noël mit einem zweiten Hund in die Schafherde zu setzen. So hätte er einen Spielgefährten gehabt und die Schafe eher in Ruhe gelassen. In Italien wachsen aus diesem Grund immer zwei Welpen zusammen auf. Im Winter kamen die Schafe, die Noël betreut hat, zurück ins Tal in ihren Stall. Noël hat natürlich nicht daran gedacht, dass es im Stall keine Gefahr mehr für die Schafe gibt und hat nachts bei jedem Geräusch, das er gehört hat, sehr laut gebellt. Die Nachbarn konnten nicht mehr schlafen und haben sich beschwert. Der Bauer musste Noël hergeben.

WWF: Was ist aus Noël geworden?

Lüthi: Er ist ins Luchsgebiet in die Westschweiz gekommen, wo er jetzt eine andere Schafherde bewacht und niemandem mit seinem Bellen stört. Wenn Noël in der Herde war, hat es nie Luchsangriffe gegeben.

WWF: Dann ist Noël doch ein super Herdenschutzhund geworden!

Lüthi: Ich bin mir nicht sicher, denn Noël wurde von den Hirten etwas zu stark verhätschelt. Jetzt liegt er nachts lieber bei den Hirten am Feuer, anstatt dass er draußen bei Wind und Regen die Schafe bewacht. Er hat sich zu stark an Menschen gewöhnt. Das ist keine gute Eigenschaft für einen Herdenschutzhund. Es gibt bei uns aber schon etliche Schutzhunde, die ihre Arbeit gut machen.

WWF: Können Schutzhunde auch Bären verjagen?

Lüthi: Die Hirten in den italienischen Abruzzen haben versichert, dass die Hunde das können. Sie sind überzeugt, dass die Schafhaltung im Bärengebiet ohne Schutzhunde nicht möglich wäre.

WWF: In Österreich können Bauern ihre Schafe mit Hilfe von hohen Elektrozäunen vor Bären schützen. Für den Schutz auf der Alm, wo die Kühe und Schafe ja frei herumlaufen, wären Herdenschutzhunde ideal. Können österreichische Bauern Herdenschutzhunde bekommen?

Lüthi: Aber sicher. Sie müssten sich in Italien oder in Osteuropa zum Beispiel in Rumänien umsehen. In der Schweiz gibt es noch nicht genug gute Hunde. Außerdem müssten die Bauern einen Hirten anstellen, der ihre Herde mit den Schutzhunden begleitet. Ist ein Herdenschutzhund mit seiner Herde alleine auf der Alm, sieht er vielleicht schon harmlose Wanderer als Bedrohung für seine Herde.

WWF: Sie haben auch schon andere Tiere als Schafswächter ausprobiert?

Lüthi: Esel sind sehr aufmerksame Tiere und haben eine angeborene Ablehnung gegen Wölfe. Bei Gefahr schlagen Esel Alarm, indem sie einen Riesenlärm machen. Außerdem können sie einen Wolf mit Hufschlägen vertreiben. Sie wurden früher von Hirten eingesetzt. Ein zorniger Esel geht einem Wolf mutig entgegen. Gegen mehrere Wölfe hat der Esel aber keine Chance. Und im Gebirge kann er seine Schafherde nicht überall hin begleiten, weil er auf steilen Hängen leicht abrutscht und abstürzt.
 
 



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Letzte Änderung: 7. Sep 2010