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HSH (C. Baumsteiger)

Herdenschutzhunde (Cornelia Baumsteiger)
 

 

 

 
Herdenschutzhund ist der Oberbegriff für einen sehr alten Hundetyp, der für die Bewachung von Viehherden, aber auch als Wächter für Haus und Hof gezüchtet wurde. Bereits auf babylonischen Darstellungen sieht man riesige Hunde mit dem typisch kräftigen Kopf. Bei der Zucht wurde allerdings wenig Wert auf optische Rassemerkmale gelegt, sondern es galt, die Tugenden der mutigen Wächter zu vererben. Bei sehr unterschiedlichem Aussehen ist allen Rassen gemeinsam: Sie sind sehr groß und kräftig mit vorwiegend weißem oder hellem Fell, widerstandsfähig, anspruchslos und vital, sie sind selbständig, haben einen ausgeprägten Territorial- und Wachinstinkt und einen geringen Jagd- und Spieltrieb.
 
Gemeinsam stehen sie in NRW auf Liste zwei der Landeshundeverordnung. Sie werden also den tendenziell gefährlichen Hunden zugerechnet. Für ihre Kenner völlig zu Unrecht. Peter Dubas, Vorsitzender der Union türkischer Hirtenhunde, stört sich auch deshalb an der Bezeichnung Herdenschutzhunde. Er zieht die einfache Kennzeichnung Hirtenhund vor. Denn die Hunde hatten und haben in ihren Heimatländer Aufgaben als Begleiter des Hirten und sind keinesfalls aggressive Tiere, die Mensch und Tier bedrohen, allenfalls Angreifer stoppen.

Geschichten über die sagenhafte Kraft der türkischen Kangals, die angeblich ganz alleine mit den Herden wochenlang umherziehen und alle Feinde abwehren, sogar Raubtiere angreifen, verweist Peter Dubas ins Reich der Romantik. Vielmehr seien alle Hirtenhunde Rassen auf die Anleitung und ständige Nähe des Menschen angewiesen, um ihre Aufgabe zu erfüllen.

Ließe man sie unbeobachtet mit den Herden alleine, würden die Tiere in kurzer Zeit verwildern. Um sich zu ernähren, müssten sie zur Jagd die Herde verlassen, schließlich möglicherweise Herdentiere als Beute töten und selbst den Besitzer der Herden nicht an ihr „Rudel“ mehr heranlassen.

Die Aufgabe der Herdenschutzhunde oder Hirtenhunde, so Peter Dubas, sei es vielmehr, dem Hirten Gefahr zu melden, sich zu nähern aber dann dem Hirten die Abwehr zu überlassen. Die gleiche Arbeit erledigen sie, wenn sie Haus und Hof von Bauern bewachen. Sie sollen Gefahr melden, aber nicht selbständig beseitigen. Oft verwechselt werden die Aufgaben von Hüte- und Herdenschutzhunden. Hütehunde, wie Schäderhunde oder Bordercollies, treiben beziehungsweise hüten die Herde und reagieren jederzeit auf die Kommandos des Schäfers. Herdenschutzhunde dagegen agieren selbständig und schützen die Herde vor Angreifern.

In ländlichen Gegenden der Türkei findet man in Dörfern oder Gehöften häufig eine Gruppe von Kangals, die sich dort ganz frei bewegen. Sie melden jede Veränderung in ihrer Umgebung, aber greifen fremde Besucher keinesfalls an. Sie werden nicht in unserem Sinne als Haushunde gehalten, aber für ihre Arbeit geschätzt und mit dem nötigsten versorgt. Fehlte nicht in der Regel die gesundheitliche Vorsorge und Betreuung, hätten diese Tiere ein ideales Leben.

Wie auch Wolfsforscher Günther Bloch, der Herdenschutzhunde in verschiedenen Studien begleitete, betont, ist es nicht ihre Aufgabe, bei möglicher Bedrohung der Herden oder Höfe durch Tier oder Mensch sofort anzugreifen. Sie sollen vielmehr durch ihre imposante Präsenz, durch Verbellen und andere abschreckende Maßnahmen das Jagdverhalten von wilden Hunden, Wölfen oder selbst Bären unterbrechen. Das gleiche gilt für menschliche Viehdiebe.

Ein direkter Kontakt, also Kampf, ist äußerst selten. Deshalb kann aus der Wachaufgabe der Herdenschutzhunde nicht abgeleitet werden, dass sie gefährlich seien. Phantastischen Geschichten über todesmutige Kämpfe dieser Hunde mit Löwen und Bären vergleicht auch Günther Bloch mit Jägerlatein. Herdenschutzhunde werden aus ihren Ursprungsländern nach Deutschland eingeführt oder seit einiger Zeit auch hier gezüchtet. Dabei ist in der Regel der Unterschied der, dass Tiere aus den Heimatländern auf ihre Aufgabe als Herdenschutzhund geprägt sind. Sie eignen sich für ein Leben in Deutschland sehr viel schlechter als Hunde, die hier aufgezogen und von Welpe an auf Menschen, Artgenossen und Alltagsstress sozialisiert wurden.

Es ist unbedingt ratsam, nur bei solchen Züchtern oder Hundebesitzern zu kaufen, die ihre Hunde tatsächlich mit engem Familienanschluss aufziehen, und zwar vom ersten Tag an.

Herdenschutzrassen sind in Deutschland noch selten. Zu den bekannteren zählen ungarische Kuvasz, der Pyrenäenberghund und die russischen und polnischen Owtscharkas. Viel von sich reden gemacht hat in letzter Zeit der türkische Kangal. Er stammt aus Anatolien und trägt den Namen einer adligen Züchterfamilie, der Agas von Kangal.

Sein volkstümlicher Name, Karabasch, heißt einfach Schwarzkopf. Er gilt dem FCI nicht als eigenständige Rasse. Dort fasst man vielmehr die verschiedenen türkischen Herdenschutzhunde unter dem Namen Anatolischer Hirtenhund zusammen. Neben dem Kangal kennt man seinen etwas langhaarigeren und schlankeren Bruder, den Akbasch, Weißkopf. Obwohl es inzwischen in der Türkei verboten ist, Kangals auszuführen, werden diese Hunde immer wieder sowohl von unwissenden Touristen als auch von Händlern oder Menschen mitgebracht, die in Deutschland eine Hobbyzucht aufbauen wollen. Kangalrüden werden 80 Zentimeter hoch und größer und erreichen ein Gewicht von über 60 Kilogramm. Sie sind erst mit vier Jahren richtig ausgewachsen.

Man sagt, Kangals verlieben sich nur einmal. Es ist jedenfalls sehr schwierig, sie von einem Besitzer und dessen Territorium zu einem anderen zu vermitteln. Auch für Kangals gilt, in Deutschland von seriösen Liebhabern gezüchtete Tiere lassen sich wesentlich leichter führen als Importe aus der Türkei. Gute Züchter achten zudem darauf, dass ihre Hunde tatsächlich nur an solche Menschen gehen, die auch wirklich die richtigen Bedingungen bieten, sowohl im Bezug auf die Unterbringung als auch im Bezug auf die zukünftige Aufgabe der Tiere und das Verständnis für den besonderen Charakter.

Nur wenn der Herdenschutzhund in ein passendes Umfeld vermittelt wird, ist er ein freundlicher, zuverlässiger Familien- und Begleithund. Er muss schon als Welpe konsequent, aber niemals mit Gewalt erzogen oder gar dressiert werden, er darf nie in einem Zwinger eingesperrt leben, er passt nicht in eine Wohnung oder ein kleines Reihenhaus.

Der zukünftige Besitzer braucht verständnisvolle Nachbarn, denn die Stimme des Kangal und verwandter Rassen ist überaus laut, er muss einen selbständigen Hund tolerieren, der in Ruhe seinem eigenen Instinkt folgt, er muss mit sanfter, aber deutlicher Autorität den Hund führen statt beherrschen.

Herdenschutzhunde stellen an ihre Besitzer deshalb recht hohe Anforderungen und Verantwortung. Wenn die Beziehung schief geht, wenn die Regeln für Auswahl, Erziehung und Umgang nicht beachtet werden und zwischen Herr und Hund deutliche Missverständnisse geschehen, kann das für den Halter gefährlich werden. Gerade Kangals, die schon böse gebissen haben, leiden in Tierheimen.

Der optische Eindruck der Herdenschutzhunde verleitet zu Missverständnissen. Sie sehen eher harmlos aus, wie riesige Teddybären oder überdimensionale Golden Retriever. Bei richtiger Haltung sind sie freundlich und werden es ihr ganzes Leben lang bleiben. Wie jede andere Rasse sind auch die Hirtenhunde zunächst immer Individuen. Und auch durchaus nicht alle Tiere haben einen ausgeprägten Wach- oder Schutztrieb.

Doch in der Regel gilt, sie sind weder als Kinderspielzeug oder Schmusebär geeignet, noch als angebundener Wachhund ohne Menschenkontakt und schon gar nicht als Schaustück für Angeber. Sie sind auch nicht, wie immer wieder behauptet, die neuen Kampfhunde. Ihr Charakter eignet sich nicht für einen Kampf in der Pit. Allen Herdenschutzhunden steht dazu ihre Eigenständigkeit im Wege – sie entscheiden selber und greifen nur an, wenn sie es für nötig halten – und ihr mangelnder Spieltrieb.

Da Herdenschutzhunde besonders gross und kräftig werden können, sollte der Hundeführer in der Lage sein einem solchen Hund zu führen. Wer vorhat, mit einem Herdenschutzhund zu leben, der sollte sich unbedingt mit geeigneter Literatur befassen und sich Rat bei Experten holen. Das gilt übrigens für andere Hunderassen auch.

 

 
 



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Letzte Änderung: 21. Jan 2005