(Dr. Uta Hoffmann) Mit der Domestikation von Ziege und Schaf, die nach HERRE und RÖHRS (1973) in der Zeit zwischen 8000 und 5500 v. Chr. erfolgte, ergab sich die Notwendigkeit, Herdenhaltung und -management den landschaftlichen, klimatischen, wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten anzupassen. Die Fähigkeiten des seit ca. 14 000 v. Chr. zunächst als Wächter, Abfallverwerter und sogar Nahrungstier (ZIMEN 1984) genutzten Hundes wurden zunehmend zur Jagd, im Kampfe und zum Hüten, Verteidigen und Treiben der Herden eingesetzt. Dabei unterlagen Aufgaben, Aussehen und Arbeitsweise einer ständigen Anpassung an die Haltungssysteme (FINGER 1996). Es entstanden teils unabhängig voneinander, teils durch Paarung mit Hunden nomadisierender Schäfer oder Handel die Herdengebrauchshunde.
Herdenschutzhunde
Die Aufgabe der Hirtenhunde (syn. Herdenschutzhunde, livestock guarding oder livestock protecting dogs) besteht nicht im Treiben, sondern in der Bewachung und Verteidigung der Schafherden gegen Raubtiere und Viehdiebe. Oft leben mehrere Hirtenhunde unbeaufsichtigt in der Herde, begleiten diese und begegnen Fremden, Raubtieren und Hunden mit ausgeprägt territorialem Verhalten. Sie zeigen als Ergebnis einer frühen interspezifischen Sozialisierung (SERPELL 1995) zeitlebens an das Vieh gerichtetes Spiel-, jedoch keinerlei Jagd- oder Beutefangverhalten. Vertreter dieser im Osten und Süden Europas entwickelten Rassen mit meist rein weißen, zottigen, großen und kräftigen Hunden sind z.B. der ungarische Kuvasz, der italienische Maremmano und der Pyrenäenberghund.
Hüte-und Treibhunde
Der Begriff der Hüte- und Treibhunde (syn. livestock conducting-, tending-, herding- oder sheepdogs) umfasst alle Herdengebrauchshundtypen, die zum Bewegen kleinerer oder größerer Herden eingesetzt werden. Treibhunde (driving- oder cattle dogs, heeler) werden zum Zusammenhalten und Treiben von Herden über große Entfernungen eingesetzt, wobei sie das Vieh durch Bellen und gezielte Bisse bewegen. Beispiele sind der Schweizer Sennenhund, der Australian Cattle Dog, der neuseeländische Huntaway und der Flandrische Treibhund. Hütehunde (Schäferhunde, heading- oder eyedogs) wurden mit der intensiven Nutzung landwirtschaftlicher Flächen zum “Wehren vor der Frucht“, zum Zusammenhalten und Umtreiben der Herden sowie bei der Arbeit am Pferch notwendig. Diese kleineren, wendigen Hunde gelten als ausgesprochen arbeitswillig und führig.
Rassen und Typen unterscheiden sich in ihrer Arbeitsweise entsprechend ihrem Gebrauch; so eignet sich beispielsweise der Deutsche Schäferhund, Gelbbacke oder Harzer Fuchs insbesondere für den Einsatz an großen (Wander-) Herden nah beim Schäfer, während Koppelgebrauchshunde wie Border Collie oder Kelpie speziell für die Arbeit an kleinen Gruppen und in oft weiter Entfernung zum Menschen Verwendung finden.
Zahlreiche Einteilungen der Rassen nach Verwandtschaftsverhältnissen oder Verwendung existieren. Heute ordnet die Fédération Cynologique Internationale (FCI) als Dachverband der zuchtbuchführenden nationalen Rassehundezuchtverbände die mehr als 300 von ihr anerkannten Rassen in 10 Gruppen ein. Etwa 70 Herdengebrauchshunderassen gehören der Gruppe I (Hüte-und Treibhunde), etwa 20 weitere der Gruppe II (Pinscher/Schnauzer/Molosser/Schweizer Sennenhunde) an.
Viele Herdengebrauchshunderassen werden heute teilweise in ursprungsfremden Aufgabenbereichen eingesetzt (Deutscher Schäferhund) oder als Begleithunde gehalten (Welsh Corgie) und entsprechen in Gestalt und Arbeitsweise nicht mehr notwendigerweise dem Urtyp.