Auch der Wolf ist daran, sich dauerhaft im Wallis (Schweiz) niederzulassen. Das gefährdet viele Schafe, die weitgehend schutzlos den Sommer auf der Alp verbringen. Das vom BUWAL (Bern) initiierte Wolf-Projekt Schweiz will sie mit Herdenschutzhunden und Eseln vor Wolfsattacken bewahren. Die Chancen für deren erfolgreichen Einsatz sind gut, in vielen Ländern Europas sind die Hunde bereits fester Bestanteil des Herdenschutzes.
"Komm! Spiel mit mir!" Das Lamm hat die Botschaft von Kira, einer einjährigen Hündin der Rasse «Montagne des Pyrénées», verstanden. Ohne jede Scheu nähert sich das Jungschaf dem auf dem Rücken liegenden Tier und lässt sich gar auf eine Spielerei ein, die sonst nur unter Junghunden vorkommt: Kira umfasst zärtlich mit ihrer Schnauze die Kehle des Lammes. «Ein Stück weit empfindet sie sich selbst als Schaf», erklärt Eva-Maria Kläy, Fachfrau für Schafzucht und Mitarbeiterin beim vom BUWAL ins Leben gerufenen Wolf-Projekt Schweiz (Teilprojekt von KORA).
Kira lebt inmitten einer 110-köpfigen Schafherde, die Daniela und Röbi Schalbetter in Grengiols gehört. Zur Herde gestossen ist die schneeweisse Hündin mit der markanten, länglichen Schnauze als kleiner Balg im Alter von zwei Monaten. Schon da waren ihr Schafe vertraut wie eigene Geschwister: Kira ist inmitten einer Herde zur Welt gekommen. Das prägt und legt die Grundlage für die spätere Arbeit als Herdenschutzhund. Wenn Wölfe und andere Feinde Kiras ungewöhnliche Freunde bedrohen, wird die Hündin in Sekundenschnelle ihr zweites Gesicht zeigen und sie mit allen Mitteln verteidigen. Diese eigenartige Symbiose kann aber nur entstehen, wenn die Herdenschutzhunde von Geburt an einem strikten Programm unterworfen werden: Sie müssen lernen, sich ganz den Schafen zugehörig zu fühlen. Dem Menschen dürfen sie nicht zu nahe gekommen sein und auch keine Zutraulichkeit entwickeln. Streicheleinheiten und Spielereien sind tabu, was Schalbetters kleiner Tochter Natascha ganz schön schwer fällt.
Über Unterländer wild empört
29 Hunde der Rassen "Montagne des Pyrénées" und "Maremma Abruzzese" sind vom Wolf-Projekt im ganzen Kanton verstreut platziert worden. Daneben stehen auch 17 bewährte Esel in Schafherden im Einsatz. Mit gutem Grund: Denn mit dem Wolf steht ein Raubtier auf dem Sprung ins Wallis, das viel Widerspruch auslöst. "Wolf und Luchs haben im Lötschental nichts verloren. Sie sind Diebe, die uns Schafe und Wild rauben. Wir leben von diesen Tieren. Sie sind unser Zahltag. Würden Sie jemanden in Ihrer Nähe dulden, der Ihnen Ihr Portemonnaie plündert?" Der ergraute Bauer ist aufgebracht. Seine Empörung über jene Unterländer, die den Berglern Raubtiere vor die Nase setzen wollen, ist typisch für die Stimmung vor allem bei den älteren Wallisern. Doch Eva-Maria Kläy lässt sich nicht provozieren. Ihre Stimme bleibt ruhig, als sie den wetternden Alten auf Widersprüche hinweist: "Niemand hat im Wallis Wölfe ausgesetzt. Sie kommen selbst und ungebeten. Der Luchs ist schon da, der Wolf könnte ihm auch im Lötschental schon bald einmal nachfolgen. Darauf müssen wir vorbereitet sein."
Für die Rückkehr des Wolfs den Boden bereiten
Eva-Maria Kläy ist als Einheimische gut vertraut mit den Problemen, die viele ältere Walliserinnen und Walliser mit den Zeitläufen haben. Solche Diskussionen sind ein wichtiger Bestandteil in der Tätigkeit von Eva-Maria Kläy und ihren beiden Kollegen Peter Oggier und Jean-Marc Landry; denn letztlich geht es darum, den Boden zu bereiten für die Rückkehr des Wolfs, der über kurz oder lang im Wallis, aus Italien kommend, Fuss fassen wird. Die Einzeltiere, die im Val Ferret, im Val d’Entremont, im Goms und im Simplongebiet schon aufgetaucht sind, haben die Emotionen jedesmal kochen lassen. Vor allem bei Schafhaltern und Jägern lösten die Raubtiere Entrüstungsstürme aus, weil sie in Schafherden Dutzende Tiere rissen. "Der Wolf reisst jedes Schaf, das vor ihm flieht, weil sein Jagdinstinkt ganz auf das Fluchtverhalten ausgerichtet ist. Deshalb kann er mehrere Schafe töten, auch wenn er sie gar nicht alle fressen kann", erklärt die Expertin. "Viele Schafe würden überleben, wenn sie sich ganz still verhielten."
Erstes Wolfsrudel schon bald vor der Tür?
Aufklärung tut dringend Not, denn in die Argumentation mancher Wolfsgegner mischen sich Falschinformationen und Legenden. In den mit schockierenden Bildern aufbereiteten Kampfschriften ist nichts davon zu lesen, dass in zahlreichen Fällen wildernde Hunde und nicht Wölfe für Verluste an Schafen verantwortlich sind - nicht selten die Begleithunde von Wanderern. Doch eines bleibt unbestritten: Die rund 72 000 Schafe im Wallis sind heute Wolfsattacken weitgehend schutzlos ausgeliefert. Nachdem der letzte Wolf aus dem Wallis verschwunden war, erwies sich ein solcher Schutz auch nicht mehr als nötig. Verloren gegangen sind dabei aber wertvolle Kulturtechniken, die in früheren Jahrhunderten ein Zusammenleben von Wolf und Mensch möglich gemacht hatten. Es brauchte weder Hirten noch Herdenschutzhunde mehr, um die seit den fünfziger Jahren erheblich vergrösserten Schafbestände im Wallis wirksam zu schützen.
Das hat sich mit der Rückkehr von Luchs und Wolf geändert. Wie lange es dauern wird, bis sich das erste Wolfsrudel im Wallis niederlässt, kann niemand voraussagen. Die Erfahrungen in den französischen Meeralpen lehren aber, dass dies binnen weniger Jahre möglich ist. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Deshalb steht beim im April 1999 ins Leben gerufenen Wolf-Projekt Schweiz die Prävention derzeit im Vordergrund.
"Es geht primär darum, die Schafe vor Wolfsangriffen wirksam zu schützen", sagt Kläy. Eine intensive Behirtung kommt auf Dauer schon aus Kostengründen kaum in Frage.
Herdenschutzhunde - in Frankreich bewährt
Wesentlich günstiger und ähnlich wirksam sind Herdenschutzhunde. Diese Hunde leben ständig unter Schafen und können einem Wolf oder gar einem Bären standhalten. Die ersten Herdenschutzhunde sollen in Asien schon vor 5 000 Jahren eingesetzt worden sein. Bekannt sind im europäischen und asiatischen Raum über 30 Rassen. In Frankreich wurden sie angesichts enormer, durch wildernde Hunde verursachter Schäden 1985 wieder eingeführt. Seit 1994 sind sie im Nationalpark Mercantour nördlich von Nizza auch gegen die wieder eingewanderten Wölfe erfolgreich im Einsatz: Die Verluste in Schafherden, die von Hunden bewacht werden, halten sich in engen Grenzen, wogegen unbewachte Nachbarherden zum Teil massive Schäden erleiden.
Nun kehren die Hunde auch ins Wallis zurück. Kira, die seit November vergangenen Jahres unter der Schafherde in Grengiols lebt, hat gute Fortschritte gemacht. Wenn fremde Besucher sich der Herde zu sehr nähern, protestiert sie mit lautem Bellen. Und auch gegenüber vertrauten Menschen zeigt sie ein Verhalten, das Kläy beeindruckt: Kira stellt sich zwischen Schafe und Besucher. Den Sommer verbringt die Schafherde zusammen mit ihrem Herdenschutzhund im Saflischtal auf Weiden, die sich bis auf 2 500 Meter Höhe erstrecken. Eine Hirtin beobachtet sie in dieser Zeit. Als zweijährige erwachsene Hündin wird Kira später ihre Aufgabe allein erfüllen müssen. Ob das klappt, kann niemand prophezeien. Eva-Maria Kläy ist optimistisch: "Die Hunde machen erstaunliche Fortschritte. Aber sie brauchen Zeit. Und wir Menschen die nötige Geduld."